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509AR

BAUKUNST & BRUTHER

29091904

2018

Mit einem grossen Park wird das Gesamtareal Campus T, begrenzt durch die beste­ henden Bauten der ZHAW an der Technikumstrasse und der Wildbachstrasse sowie durch den Flussverlauf der Eulach, als gebietsübergreifender, landschaftlicher Frei­ raum formuliert – einfach in seiner Gestaltung, aber kraftvoll in der stadträumlichen Bedeutung. Mit einer guten Mischung aus natürlicher Selbstverständlichkeit und einem hohen Mass an Präzision markiert der grosse Laborbau TL_N die Schnitt­ stelle zwischen dem Park im Westen, der Anlieferung an der Wildbachstrasse und dem Arealzugang durch die Überführung ausgehend von der Technikumstrasse. Von allen vier Seiten zugänglich, wird eine maximale Durchwegung und Öffentlich­ keit erzeugt. Die Neubauten liegen gewissermassen in einer «weiten Landschaft der Hügel», die über leichte topografische Versätze und Wasserläufe geprägt ist. Dieses Bild applizieren die Verfassenden in einer sehr grafischen Art auf das Gelände und bieten so der starken Präsenz der Bauten ein ausgleichendes Gegenüber. Patterns von unterschiedlichen Belags­ und Wiesenflächen schaffen vielfältige Orte und integrieren die Flutmulde ebenso wie die Eulach, welche hier den «Hauptstrom» der Wasserlandschaft bildet.

Das freie und grossflächig zu öffnende Erdgeschoss ist ein Statement für die Verbin­ dung und «grenzenlose» Nutzung von Innen­ und Aussenraum in den zu erwarten­ den, räumlich dichten Verhältnissen. Durch seine starke architektonische Präsenz und Strahlkraft wird das neue Labor zum inhaltlichen Zentrum der Campusanlage. Eine grosse offene «Werkhalle» bildet das attraktive Herzstück des Hauptbaus, flan­ kiert von zwei identischen fünfgeschossigen, nutzungsneutral gestapelten Raum­ regalen, welche über einen aufgehenden Luftraum erschlossen werden. An diesem sind alle vertikalen Erschliessungen für Personen und Technik angegliedert. In der dargestellten Dimension sind sie wohl zu stark idealisiert und vermögen den hohen technischen und betrieblichen Anforderungen nicht zu genügen.

Auswirkungen von Emissionen und Erschütterungen werden in diesem Gebäude­ konzept auf alle Etagen übertragen. In den Obergeschossen wird die Trennung zwi­ schen Bürozone und Laborbereich als negativ und mit zu langen Wegzeiten bewer­ tet. Der Entwurf macht auch keinerlei Angaben hinsichtlich des Brandschutzes. Ein Atrium gleichzeitig für Werkstatt, Lastwagenanlieferung, Mensa und als Fluchtweg zu nutzen, ist äusserst problematisch und ohne weitreichende Massnahmen nicht realisierbar. Die Ausgangslage für eine wirtschaftliche und attraktive Gastrono­ mie ist durch die Organisation der Restauration über drei Geschosse ungenügend ausgereift.

Die reiche Dachlandschaft mit statischen und technischen Elementen wird in einer Art sechstem Geschoss zusammengefasst, welches nach oben offen ist und damit die Gebäude niedriger erscheinen lässt. Allerdings ist damit das Dach nicht für Forschungszwecke nutzbar. Der Entwurf besticht durch einen klar erkennbaren Lastfluss. Die Trägerauflagerung mit diagonalen Seilen an den Fassaden des TL_N Gebäudes ist elegant gelöst. Die Aufhängung auf der Innenhofseite führt jedoch nicht direkt in einen Fachwerkknoten und wirkt daher unglücklich. Der direkte Last­ abtrag ist durch die sehr grosszügige Aufhängung der Ost / West­Fassaden über das Dachfachwerk nicht gegeben. Die diagonalen Zugstreben der Fachwerke sowie die nach Nord­Süd orientierten Fachwerke sind in den Zeichnungen oftmals nicht dargestellt. Das Raster ist sehr grosszügig und bietet viel Nutzungsflexibilität. Die Bauteilabmessungen sind plausibel. Die Verbundbauweise begünstigt die Umset­ zung schlanker Betondecken. Das Aussteifungskonzept des Gebäudes wirkt nicht überzeugend. Viele ausserhalb des Wärmedämmparameters liegende Tragwerk­ steile führen zu grossen bauphysikalischen Herausforderungen, gleichermassen sind brandschutztechnische Massnahmen anspruchsvoll. Das kleinere Gebäude TL2_N wird mit dem gleichen Anspruch an Öffentlichkeit und Offenheit in ähnli­ cher Art materialisiert. Der innere Aufbau variiert, indem die Hauptstützen an die Fassade gelegt werden und so eine frei bespielbare, flexible Fläche mit aussenlie­ gender Vertikalerschliessung geschaffen wird.

Bei der Umsetzung der technischen und programmatischen Vorgaben wurden diverse ungeschickte Vereinfachungen angewendet, welche sich in einer mangel­ haften Erfüllung der angestrebten Nachhaltigkeitskriterien und der statischen Anforderungen bemerkbar machen. Das aufwendige Tragkonzept, die Materialisie­ rung in Stahl und Glas und die grossen Untergeschosse sind ressourcenaufwendig. Die Vorteile der geringen Geschossfläche werden durch kostentreibende Faktoren relativiert, welche zu den eher hohen Erstellungskosten führen. Die Kennzahlen des Standards Minergie­P sind mit diesem Projektvorschlag nicht erreichbar. Die Fassaden sind weitgehend verglast – die riesigen Fensterflächen sind konstruktiv nicht gelöst und die wenigen opaken Flächen zu wenig gedämmt. Die Trägerstruk­ tur an den Decken verhindert die erforderliche Flexibilität in der Raumeinteilung und Medienversorgung.

Das verführerische Erscheinungsbild, welches mit einer ikonenhaften Ästhetik für die zu beherbergende ingeniöse Nutzung wirbt, faszinierte das Preisgericht. Der Projektansatz vermag in einzigartiger Weise programmatische Inhalte in eine narrative, reizvolle Hülle kleiden zu können und damit, wie auch in der sehr ange­ messen gehaltenen Dimensionierung der Bauvolumen, auch in städtebaulicher Hin­ sicht hohe Qualitäten aufzuweisen. Die funktionalen Mängel und die ungenügend berücksichtigten Kriterien an eine nachhaltige Umsetzung überschatteten jedoch schlussendlich die klar erkannten Qualitäten des Projekts.

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47°29'47.6"N 8°43'49.7"E

Location: Winterthur, Switzerland
Type: Offices, Competition, University, Education

Client: Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Collaborators: Quentin Clemence - Lucas Podzuweit - Maja Tomljenovic - Julian Brack
Baumanagement: Pfister Partner Baumanagement AG
Landschaftsarchitektur: Mosbach Paysagistes
Bauingenieurwesen: Bollinger + Grohmann SARL
Images: ArtefactoryLab
Text: Projektwettbewerb


Posted: November 2018
Category: Architecture